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Warum die Sinti und Roma keine Zigeuner sind

Obwohl die meisten deutschen Sinti und Roma nicht „Zigeuner“ genannt werden wollen, wird dieser Name in den Medien und in der Umgangssprache noch immer, in letzter Zeit sogar vermehrt verwendet. Dabei ist der Name „Zigeuner“ eine Fremdbezeichnung, er wird als Schimpfwort verwendet und trifft, was in der öffentlichen Diskussion übersehen wird, auf die heutigen Sinti und Roma in Deutschland nicht zu.

Dagegen ist die Eigenbezeichnung „Sinti und Roma“ keine „neue Bezeichnung“ (Eberhard Jäckel, FAZ, 5. 2. 2005), sondern wird durch Zeugnisse aus mehreren Jahrhunderten belegt (wie Pastor Zippel, 1793 und Gustav Freytag, 1866). Als „Sinti“ bezeichnet sich die Volksgruppe, die Anfang des 15. Jahrhunderts in Deutschland und den Nachbarländern eingewandert ist, als Roma bezeichnen sich die in ost- und südosteuropäischen Ländern lebenden Volksgruppen und als „deutsche Roma“ diejenigen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts von dort hierher gekommen sind.

Die Sinti wurden bei ihrer Ankunft in Chroniken und anderen Urkunden unter verschiedenen Namen erwähnt: zuerst als „Tater“ (= Tataren), „Heiden“ und „Ägyptier“ und bald darauf als „Zigeuner“. Während ihre Anführer sich auch als „Graf“ oder „Herzog von Ägypten“ ausgaben, ist „Zigeuner“ den Quellen zufolge eindeutig eine Fremdbezeichnung: „die Thateren, die Zeguner genannt“ (Magdeburger Schöppenchronik von 1417), „vulgariter Cigäwnär vocitata“ (Chronik des Andreas von 1424), „nennt man sie die Zigeuner“ (Augsburger Chronik von 1427), „hieß man Ziginer“ (Konstanzer Chronik von 1430). Dieser Name hat sich dann im Lauf des 15. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum weitgehend durchgesetzt und ist seit den Reichstagsbeschlüssen von 1498ff., in denen die „Zigeuner“ als Spione der Türken verurteilt und für vogelfrei erklärt wurden, zu einer lebensbedrohlichen Kennzeichnung geworden.

Danach, von etwa 1520 bis 1782, wurden die damaligen „Zigeuner“ überwiegend nicht mehr als ein „fremdes Volk“, sondern als ein aus Deutschland und den Nachbarländern „zusammengerottetes diebisches Gesindel“ angesehen, bis schließlich an der Verwandtschaft ihrer Sprache, des Romanes, mit dem Hindostanischen ihre Herkunft aus Nordindien nachgewiesen wurde. Im 17. Jahrhundert kamen auch die vulgären Etymologien auf, „Zigeuner“ bedeute „Zig oder ziehe einher“ oder „Zieh-Gauner“, die nicht zutreffen, da da dieses Wort auf griechisch „Athinganoi“ zurückgeht, die aber bis heute im Umlauf sind.

Die typischen Zigeunerbilder begegnen uns bereits in Bettlerordnungen des 15. Jahrhunderts und im „liber vagatorum“ (1510), in denen keine Sinti beschrieben werden. Dort werden nicht einfach „Fahrende“ oder „Vaganten“ vorgestellt, sondern „Landstreicher“ oder „Vagabunden“, die herumfahren und betteln, statt zu arbeiten, und die Einheimischen belügen, bestehlen und betrügen. Diese Bilder wurden dann im 16. Jahrhundert auf die Sinti, die sich nirgends niederlassen durften und deshalb den Fahrenden anschlossen, übertragen und blieben später, als die anderen Fahrenden allmählich wieder sesshaft wurden, an ihnen hängen.

Das Wort „Zigeuner“ ist also ein Synonym für Fahrende und wird sowohl für die Angehörigen der Ethnie, das „fahrendes Volk“, als auch für andere Fahrende verwendet. „Zigeuner“ sind in der Vorstellung der sesshaften Bürger Leute, die „herumzigeunern“ und ein „freies“ oder gar „lustiges Zigeunerleben“ führen. Die deutschen Sinti und Roma sind aber seit Jahrzehnten zu über neunzig Prozent sesshaft und deshalb keine „Zigeuner“. In den Medien: in Literatur, Malerei, Operetten oder Musicals, Spiel- und Dokumentarfilmen und Illustriertenreportagen werden sie jedoch nach wie vor als „Zigeuner“ oder Fahrende vorgeführt und allein schon dadurch diskriminiert.

Denn „Zigeuner“ wird eindeutig als Schimpfwort benutzt. Dies zeigt sich besonders deutlich an den ‚schmückenden’ Beiwörtern, den Wortzusammensetzungen und den Synonymen, die für „Zigeuner“ in der wissenschaftlichen und der schönen Literatur verwendet wurden und dann als ‚gesichertes Wissen’ in viele Lexika eingingen. Die Angehörigen der Ethnie werden als „faule“, „dreckige“ oder „diebische Zigeuner“ bezeichnet. Eine alte Frau ist eine „Zigeunerhexe“, eine Familie ein „Zigeunerclan“, und eine Gruppe ist eine „Zigeunerbande“, ein „Zigeunergesindel“ oder ein „Zigeunerpack“. Als „Synonyme werden „Tagedieb“, „Gauner“ und „Drecksack“ angegeben (Pfälzisches Wörterbuch).

Eine Umbenennung genügt freilich nicht, um den „Antiziganismus“, die „Zigeunerfeindschaft“, zu überwinden, sie wäre aber ein erstes Zeichen des Respekts gegenüber den Sinti und Roma.

Wilhelm Solms 
 
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