Verband Deutscher Sinti und Roma
Landesverband Bayern e.V.
Presse Gemeinsame Erklärung gegen Diskriminierung, Rassismus und Fremdenhass Druckversion
 

Gegen Diskriminierung, Rassismus und Fremdenhass

von Markus Metz

Grundlagen und Perspektiven der Zusammenarbeit des Freistaats Bayern mit dem Landesverband der Sinti und Roma

Franz Rosenbach während des Konzerts des Streichorchesters von Ferenc Snétberger im Gebäude der Vereinten Nationen in New
York. Die Veranstaltung gehörte zum Rahmenprogramm bei der Eröffnung der Ausstellung „The Holocaust against the Sinti and Roma and present day racism in Europe.“ Foto: Metz
Franz Rosenbach während des Konzerts des
Streichorchesters von Ferenc Snétberger im
Gebäude der Vereinten Nationen in New York. Die
Veranstaltung gehörte zum Rahmenprogramm bei
der Eröffnung der Ausstellung „The Holocaust
against the Sinti and Roma and present day racism
in Europe.“ Foto: Metz

Mit der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung zwischen der Bayerischen Staatsregierung und dem Bayerischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma hat auch die enge und bewährte Kooperation der Landeszentrale mit dem bayerischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma einen besonderen Antrieb und eine zusätzliche Fundierung gewonnen. Diese Kooperation weist Erfolge auf vielen Gebieten auf: im Publikationsbereich, bei gemeinsamen Veranstaltungen, aber auch bei internationalen Tagungen und Ausstellungen.

1. Die Gemeinsame Erklärung zwischen Staatsregierung und Landesverband

Am 16. Mai 2007 wurde im Prinz-Carl-Palais in München die Gemeinsame Erklärung zwischen der Bayerischen Staatsregierung und dem bayerischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma von Ministerpräsident Edmund Stoiber und Landesverbandsvorsitzendem Erich Schneeberger unterzeichnet. In der Erklärung bekräftigt die Staatsregierung ihre besondere historische Verantwortung gegenüber den rund 12.000 in Bayern lebenden Angehörigen dieser nationalen Minderheit.
Die Staatsregierung versichert in der Gemeinsamen Erklärung, dass sie das Gedenken an die mehr als 600-jährige Geschichte der deutschen Sinti und Roma, insbesondere an die Verfolgung und den systematischen Völkermord durch die Nationalsozialisten, fördert, außerdem wird darin versichert, dass die bestehende enge Zusammenarbeit zwischen dem Verband Deutscher Sinti und Roma – Landesverband Bayern – und der Bayerischen Staatsregierung im Sinne von Geschichtsbewusstsein, Aufklärung und Förderung der Toleranz gegenüber Minderheiten fortgesetzt werden soll.
Ministerpräsident Stoiber erklärte dazu: „Bayern unterstreicht mit dieser Erklärung ausdrücklich die besondere historische Verantwortung für das unsagbare Leid, das die Sinti und Roma während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft erlitten haben. Wir sind es den Ermordeten, den Überlebenden und den Sinti und Roma von heute schuldig, uns unserer historischen Verantwortung zu stellen und vor allem unsere Jugend über den lange verschwiegenen Völkermord und das furchtbare Verbrechen an den Sinti und Roma aufzuklären.“ Aus dieser Verantwortung - so der Ministerpräsident weiter - resultiert die Pflicht, konsequent gegen Diskriminierung, Rassismus und Fremdenhass vorzugehen.
Der Landesverbandsvorsitzende Erich Schneeberger betonte bei der Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung: „Der Holocaust an den etwa 500.000 Sinti und Roma ist ebenso wie die Shoah ein Verbrechen, das sich jedem historischen Vergleich entzieht und das in seinem Ausmaß bis heute unvorstellbar bleibt. Ziel der Arbeit unseres Landesverbands war und ist es, dass sich die von den bayerischen Sinti und Roma gewählten Vertreter im Landesverband zum einen gegen die immer noch bestehenden Benachteiligungen, gegen Diskriminierung, Rassismus und Rechtsextremismus wehren und sich zum anderen für die Gleichberechtigung und den Schutz unserer Volksgruppe einsetzen und die im Gesetz verankerten Rechte und Chancen einfordern.“
Dr. Edmund Stoiber und Erich Schneeberger. Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung am 16. Mai 2007\n Foto: Poss
Dr. Edmund Stoiber und Erich Schneeberger.
Unterzeichnung der Gemeinsamen Erklärung am
16. Mai 2007, Foto: Poss

Die deutschen Sinti und Roma sind die einzige im Freistaat Bayern lebende Minderheit im Sinne des Rahmenübereinkommens des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten. Das Rahmenübereinkommen beinhaltet nicht nur die ausdrückliche Verpflichtung für alle Unterzeichnerstaaten, geeignete Schritte zu unternehmen, die Angehörigen der Minderheit vor „diskriminierenden, feindseligen oder gewalttätigen Drohungen oder Handlungen zu schützen“, sondern auch „wirksame Maßnahmen zur Förderung in den Bereichen Bildung, Kultur und Medien zu ergreifen.“ Zum Aufgabenbereich des Landesverbands gehört neben der Gedenkstättenarbeit vor allem auch die Aufklärungsarbeit über den nationalsozialistischen Völkermord an den Sinti und Roma. Hier entstand in den letzten fünf Jahren eine enge Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. Über die jüngsten in Kooperation durchgeführten Projekte soll im Folgenden an den Beispielen zweier Gedenkfahrten nach Straßburg und New York sowie der Vortragsreise des Auschwitz-Überlebenden Franz Rosenbach berichtet werden.

2. Internationale Arbeit am Beispiel der Gedenkfahrten nach Straßburg und New York

Nach jahrelanger Vorbereitung konnte vom in Heidelberg ansässigen Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Anfang 2006 die englischsprachige Ausstellung „The Holocaust against the Roma and Sinti and present day racism in Europe“ fertiggestellt werden. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die europäische Dimension des NS-Völkermords an den Roma und Sinti, dem während des Zweiten Weltkriegs eine halbe Million Angehörige dieser Minderheit zum Opfer fielen. Dieses Menschheitsverbrechen wird in den meisten Staaten der Welt immer noch weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. In einem Anhang setzt sich die Ausstellung mit den aktuellen Gefahren des in vielen Ländern gegen Roma und Sinti gerichteten Rassismus und ihrer gesellschaftlichen Ausgrenzung und Diskriminierung auseinander. Dem bayerischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma, der Mitgliedsorganisation im Heidelberger Dokumentations- und Kulturzentrum ist, war es ein Anliegen, Holocaust-Überlebenden aus Bayern zu ermöglichen, an der Eröffnungsveranstaltung teilzunehmen. Dieses Anliegen konnte durch die Unterstützung der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit realisiert werden, so dass der Landesverband schliesslich mit einer aus elf Personen bestehenden Delegation nach Straßburg reisen konnte.
Am 17. Januar 2006 wurde die Ausstellung im Europäischen Parlament in Straßburg in Anwesenheit des EU-Parlamentspräsidenten Josep Borrell und von über 250 hochrangigen Repräsentanten der Europäischen Union und des Europarates, sowie diplomatischer Vertreter der Öffentlichkeit übergeben. Gemeinsam mit Delegationen mehrerer anderer Landesverbände fuhr unsere Gruppe am 17. Januar 2006 nach Straßburg, wo die Ausstellung am Nachmittag feierlich eröffnet wurde. Für alle Teilnehmer war es ein bedeutendes Ereignis, zeigte es doch, dass das Schicksal der Sinti und Roma endlich im Bewusstsein der europäischen Institutionen angekommen ist.

Reise einer Delegation bayerischer Sinti und Roma nach New York

Am 29. Juni 2006 wurde der Vorsitzende des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, durch den stellvertretenden UN-Generalsekretär Shashi Tharoor darüber informiert, dass die ein Jahr zuvor in Straßburg gezeigte Ausstellung „The Holocaust against the Roma and Sinti and present day racism in Europe“ Anfang 2007 anlässlich des internationalen Holocaust- Gedenktags am Sitz der Vereinigten Nationen in New York gezeigt werden soll. Die Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung fand am 30. Januar 2007 im New Yorker Hauptquartier der Vereinten Nationen in Anwesenheit von Shashi Tharoor statt.
Mit der erstmaligen Präsentation einer so umfassenden Ausstellung über die europäische Dimension des Holocaust in den Vereinten Nationen wurde der Fokus der internationalen Staatenvertreter und der amerikanischen Öffentlichkeit auf ein Jahrzehnte lang verdrängtes Kapitel der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gelenkt und zugleich das Bewusstsein für die schwierige Menschenrechtsituation der über zehn Millionen Sinti und Roma im heutigen Europa geschärft.
Am 27. Januar 2005 haben die Vereinten Nationen anlässlich des 60. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges erstmalig den internationalen Holocaust-Gedenktag („Holocaust Memorial Day“) am Sitz der Vereinigten Nationen in New York begangen, an dem jüdische Überlebende des Holocaust aus vielen Teilen der Welt teilgenommen haben. Anlässlich des Gedenktags im Jahr 2007 stand erstmalig die Minderheit der Roma und Sinti im Mittelpunkt der Feierlichkeiten.
Vor diesem Hintergrund war es dem bayerischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma ein wichtiges Anliegen, dass an der Ausstellungseröffnung und dem Gedenktag in New York möglichst zahlreiche Repräsentanten unserer Minderheit und Holocaust-Überlebende teilnehmen konnten. Dies wurde durch ein Kooperationsangebot der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit möglich, so dass eine fünfköpfige Delegation bayerischer Sinti und Roma am Gedenktag und der Ausstellungseröffnung im Hauptuqartier der Vereinten Nationen teilnehmen konnte.
Am Rande des Gedenktages und der Ausstellungseröffnung gab es für die Teilnehmer Gelegenheit, Kontakte zu Persönlichkeiten wie dem Vorsitzenden der Jewish Claims Conference, Israel Singer, oder Frau Jennifer Rodgers (Victim Name Research Coordinator im United States Holocaust Memorial Museum) zu knüpfen. Für alle Beteiligten war die Reise ein bewegendes Ereignis.

3. Bildungsarbeit

Nach der Veröffentlichung der von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit herausgegebenen Biographie des Auschwitz-Überlebenden Franz Rosenbach im Jahr 2005 wurde zwischen dem Landesverband und der Landeszentrale eine „Vortragsreise“ von Franz Rosenbach vereinbart. Im Rahmen dieser Vortragsreise besucht der inzwischen 79jährige Schulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung, wo er über sein Verfolgungsschicksal berichtet.
Inzwischen fanden im Rahmen der Vortragsreise 23 Zeitzeugengespräche in ganz Bayern statt, die auf Einladung von Lehrkräften und Schülerinitiativen zustandekamen.
Franz Rosenbach überlebte die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Buchenwald und Mittelbau-Dora sowie den Todesmarsch nach Hamburg-Neuengamme. Von seiner einst großen Familie überlebten nur er und zwei seiner Schwestern den Holocaust. Für seine über viele Jahre ehrenamtlich geleistete Aufklärungsarbeit an Schulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung erhielt Franz Rosenbach im vergangenen Jahr von Landtagspräsident Alois Glück die Bayerische Verfassungsmedaille in Gold und im Juli 2007 den Bayerischen Verdienstorden und die Bürgermedaille der Stadt Nürnberg.

4. Ausblick

Zwischen dem bayerischen Landesverband der Deutschen Sinti und Roma und der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit sind für die nächste Zeit weitere Projekte geplant: Dazu zählen Veranstaltungen der Lehrerfortbildung, eine wissenschaftliche Dokumentation zur Geschichte der bayerischen Sinti und Roma und die Vertiefung der Aufklärungsarbeit gegen Rassismus und Fremdenhass. In diesem Zusammenhang soll die erfolgreiche Vortragsreise von Herrn Franz Rosenbach fortgeführt werden.

Herr Rosenbach kann über den Landesverband kontaktiert werden:

Verband Deutscher Sinti und Roma
Landesverband Bayern e.V.
Marienstr. 16
90402 Nürnberg
Tel. 0911 / 99 28 793
Fax 0911 / 99 28 798
Email: sinti.bayern@nefkom.net 
 
  Unsere Adresse:
Verband Deutscher Sinti und Roma
Landesverband Bayern e.V.
Nordring 98a
90409 Nürnberg
 
 
Telefon: 0911-9928793
Fax: 0911-9928798
Email: sinti.bayern@nefkom.net
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